KI-Regulierung und Haftung: Aktuelle Problemfelder aus Sicht der Industrie

21. April 2026
Anna von Dietze LL.M. (Sydney)
Kümmerlein –

Mit der KI-Verordnung hat die EU einen umfassenden Rechtsrahmen für Künstliche Intelligenz geschaffen. Was auf dem Papier nach Rechtssicherheit klingen mag, bedeutet in der Praxis für viele Unternehmen jeder Größenordnung jedoch erhebliche Unsicherheiten und wirft unzählige Fragen auf: Wann ist mein KI-System als Hochrisiko einzustufen? Wie verhalten sich KI-Verordnung, DSGVO, Data Act und Produkthaftungsrecht zueinander? Welche Regulierungspflichten muss ich erfüllen – und welche Haftungsrisiken drohen bei Verstößen?

Die Task Force „KI-Regulierung & Haftung“ der Plattform Industrie 4.0 hat gemeinsam mit Experten aus Industrie, Wissenschaft und Praxis einige drängende Problemfelder analysiert und in einer praxisnahen Handreichung* veröffentlicht. Diese benennt konkrete Herausforderungen anhand praktischer Anwendungsfälle, und zeigt erste Lösungsansätze auf.

Die Handreichung behandelt drei zentrale Themenkomplexe:

Risikoklassifizierung von KI-Systemen

Je nach Risikokategorie gelten unterschiedliche regulatorische Anforderungen für ein KI-System. Damit bestimmt die Einordnung eines KI-Systems in eine der Risikoklassen maßgeblich die einzuhaltenden regulatorischen Anforderungen. In der Praxis ist die Klassifizierung von KI-Komponenten in Industriemaschinen und Anlagen jedoch alles andere als trivial und wirft komplexe Fragen an der Schnittstelle zwischen Recht und Technik auf: Wann gilt eine KI als Sicherheitsbauteil? Wie ist mit selbstlernenden Systemen umzugehen? Wie sind hybride Systeme zu bewerten? Lösungsansätze beinhalten die Definition eigener Evolutionsgrenzen, die Einrichtung robuster Validierungsprozesse, die proaktive Dokumentation von Design-Entscheidungen und Klassifizierungsbegründungen, und die Etablierung von Governance-Rahmenwerken für den gesamten Lebenszyklus mit Versionskontrolle, Leistungsüberwachung und Rollback-Verfahren.

Abgrenzung zu anderen Regelungsregimen

Unternehmen sehen sich mit parallelen Anforderungen aus KI-Verordnung, Datenrecht, Cyber Resilience Act und sektorspezifischen Vorschriften konfrontiert. Unklare Begriffsdefinitionen, teilweise widersprüchliche Regelungssysteme sowie noch fehlende Leitlinien erschweren die praktische Umsetzung. Das Spannungsverhältnis zwischen KI und DSGVO ist dabei besonders praxisrelevant: Während KI-Systeme, insbesondere Large Language Models, auf umfangreiche Datenmengen angewiesen sind, verfolgt die DSGVO die Grundsätze der Datenminimierung, Zweckbindung und Transparenz. In der Praxis lassen sich diese Widersprüche allenfalls unter Inkaufnahme erheblicher Rechtsunsicherheit auflösen. Gerade für Branchen mit langen Innovations- und Entwicklungszyklen stellt diese regulatorische Ungewissheit eine erhebliche Herausforderung dar.

Kümmerlein –

„Die größte Herausforderung der KI‑Regulierung liegt nicht im Gesetzestext, sondern in seiner praktischen Umsetzung.“

Haftung und Produktsicherheit

Parallel zur KI-Verordnung mit ihren präventiven Anforderungen hat der europäische Gesetzgeber das europäisch harmonisierte Produkthaftungsrecht grundlegend modernisiert. Die neue Produkthaftungsrichtlinie erfasst erstmals ausdrücklich Software und KI-Systeme und führt damit zu neuen Haftungsrisiken. Beide Regelungsebenen greifen eng ineinander. Verstöße gegen regulatorische Anforderungen können haftungsrechtliche Risiken erhöhen, während gleichzeitig unklare regulatorische Vorgaben zu Unsicherheiten bei der Bewertung möglicher Haftungsszenarien führen. Unternehmen müssen daher geeignete technische, organisatorische und vertragliche Maßnahmen entwickeln, um Haftungsrisiken entlang komplexer Wertschöpfungsketten zu beherrschen.

Was jetzt?

Die europäische KI-Regulierung befindet sich in einer Phase der Konkretisierung. Viele Detailfragen werden erst durch künftige Leitlinien, harmonisierte Standards und Durchführungsrechtsakte geklärt. Dennoch ist es essenziell, sich bereits jetzt mit den praktischen Herausforderungen auseinanderzusetzen und proaktiv Compliance-Strukturen aufzubauen – sei es durch interdisziplinäre Teams, sorgfältige Dokumentation von Auslegungsentscheidungen oder klare vertragliche Regelungen mit KI-Zulieferern.

Laden Sie die vollständige Handreichung hier herunter und verschaffen Sie sich einen fundierten Überblick über Problemfelder, Praxisbeispiele und erste Lösungsansätze. Bei Fragen zur Umsetzung der regulatorischen Anforderungen in Ihrem konkreten Fall stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

* Die Autorin hat an der Handreichung mitgewirkt.